Zwei Welten

Immer wieder dieses frustrierte Erstaunen. Nach wie vor nicht allgemein in den Köpfen angekommen, daß der Glaube, Männer und Frauen lebten in derselben Welt, nur ein Glaube ist. Mehr nicht.

Unmöglich kann ein Mann erfassen, wie ein Leben in der Selbstbeschränkung aussieht. Einer Selbstbeschränkung, die schon im Mädchenalter so sehr in Fleisch und Blut übergeht, daß sie später kaum noch als solche bewußt erfahrbar wird, internalisiert bis zum Anschlag.
Viele Wege in dieser Stadt werde ich niemals nach Einbruch der Dunkelheit unbegleitet gehen, wie in jeder anderen Stadt auch nicht. Unreflektiert, automatisch.
Es ist nicht meine freie Wahl, in welchen Wagen der Straßenbahn ich einsteige, auf bestimmten Linien. Es ist nicht meine Wahl, welchen Sitz ich im Taxi nehme. Und: Nein, das hat nicht das geringste mit Opferhaltung zu tun. Es ist Eigensicherung. Nicht mehr, nicht weniger.

Es ist nicht meine Wahl, daß ich mir über meinen nachlassenden Tonus und Cellulite Gedanken – nein, eher Gefühle, mache. Es ist nicht wirklich meine Wahl mit der Angabe meines Geburtsjahres zurückhaltender zu werden. Ich habe nicht entschieden in einer Welt zu leben, in der ein sexuell freizügiger Mann ein toller Kerl, eine freizügige Frau eine Schlampe ist.

Jemand, der zu einem Mann, der auf dem Bahnsteig jedem im Weg steht, ‚Idiot‘ sagt, riskiert eins aufs Maul. Eine Frau ‚blöde F….‘ zu heißen, ist ungefährlich.
Ja, natürlich geht das alles auch anders. Eine Frau kann sich im Capoeira ausbilden lassen und künftig auch nachts allein im Taxi vorne sitzen und vielleicht sogar im Park spazieren gehen. Sie kann sich ganz entspannt gehen lassen, zunehmen, häßlich sein – und ihr Sexualleben abschreiben. Sie kann in der Bar, in der sich der eklige Kerl mit billigen Anmachsprüchen an sie ranschmeißt, geistreich, giftig und laut zur Wehr setzen – und damit leben, daß die Anwesenden sie für eine Xanthippe halten. Geht alles. Klar.

Wenn mir nochmal jemand etwas von einer Welt der Gleichberechtigung erzählt, werde ich möglicherweise mit meinem kleinen Holzstab in der Faust endlich ein Jochbein beschädigen. Ganz vorsichtig.

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