Matilda

Ein sonniger Vormittag, ich saß hinten im Büro, bei offener Tür, und arbeitete an der Druckfassung der Studie. Plötzlich brach im großen Wohnraum die Hölle los. Die Katzen waren extrem aufgeregt, es klang nach Jagdmodus.
Ich stürzte ins Wohnzimmer. Etwas robbte bäuchlings über den Boden, die Felidae belauerten das Wesen von rechts und links. Eine schnelle Bewegung, eine Katze links, eine rechts unter den Arm, Badtür auf, Katzen rein, Badtür zu.
So! Was war hier los?
Das sehr kleine robbende Tier erwies sich als Fledermaus. Genauer: kleines Mausohr. Ich griff sie mir vorsichtig und besah mir den Schaden, unter keckerndem Protest des kleinen Tieres. Die Katzen hatten ihr an einer Schwinge sauber die Flughaut vom Mittelhandknochen abgeschlitzt. Na super – Sonntag. Ich telefonierte herum und fand einen Tierarzt im Sonntagsdienst. Tier in kleinen Karton, Karton in Rucksack, Frau aufs Motorrad, ab zu eben diesem.

Meine Studie betraf einen örtlichen Zoo, auf Fledertiere spezialisiert, so war ich in der glücklichen Lage zu wissen was zu tun war. Der Tierarzt war fasziniert – und nähte unter meiner behutsamen Mithilfe zum ersten Mal im Leben eine Flughaut wieder an einen Mittelhandknochen an, doch brauchte es vier Menschenhände zum Halten und noch eine zum Nähen. Das kleine Tier schimpfte und fauchte hörbar, aber wir brachten es über die Bühne. Der Arzt war so glücklich über die neuen Erkenntnisse, daß er auf meine Frage nach der Rechnung nur lächelnd abwinkte und sich bei mir bedankte. Schöne Geste.

Nun brauchte Matilda vor allem Ruhe und Schonung. Ein Postkarton, oberwärts mit der Scherenspitze zerstochen, gab genug Halt zum Abhängen. Fütterung brauchen die kleinen Tiere erstaunlich wenig – alle drei Tage das Angebot zu machen reicht völlig (Und wie die mich immer angemotzt hat, wenn ich sie zum Füttern weckte, sie aber nicht hungrig war!). Mit wenig Wasser püriertes Katzenfutter (proteinreiches Futter für Proteinverwerter) aus nadelloser Spritze angeboten, wird begeistert angenommen – wer hat denn schon Mehlwürmer im Bestand, an einem Sonntag obendrein? – Wasser auf dieselbe Art. [Die Hinweise des NABU (‘Katzenfutter mögen wir nicht’) kann ich nicht unterschreiben, auch der Tierarzt des Zoos hatte eine andere Meinung dazu. Wichtig ist aber: Püriert und nicht kalt.] Nach erstaunlichen acht Tagen war die Flughaut wieder am Knochen angewachsen, die Catgutfäden abgefallen, Gewicht hatte sie auch keines verloren (Briefwaage), und Matilda flog glücklich ihrer Wege. Fledertiere sind Wundertiere!

Warum ‘Matilda’? Keine Ahnung wie das kam, aber angesichts der angstlosen Wehrigkeit des kleinen Tiers – und der zu befürchtenden Tierarztkosten – fiel mir spontan der namensgleiche Song ein.

Übrigens lernte ich in den nächsten Tagen vom Tierarzt des Zoos, daß die kleinen Tiere recht stressresistent sind, und tatsächlich vor Menschen – die in ihrem Gefahrenschema nicht vorkommen – keine Angst haben. Beim kleinen Mausohr muß man sich auch vor Bissen nicht fürchten. Die Zähnchen sind nicht im Stande die Haut der Hände zu durchdringen und Deutschland ist schon seit Mitte der 90er Jahre tollwutfreies Gebiet. Und das wilde Gezitter, das sie abliefern, ist kein Angstzeichen sondern die typische Infraschallbegrüßung unter Fledertieren.

(An diese Begebenheit erinnert hat mich Fjonka, das Photo habe ich mir hier geliehen.)

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